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Ein offener Brief an meinen Vater

Ich bin Dankbar das es Dich gab.

Ohne Dich währe ich sicherlich nur halb so gut gelungen wie es mir mein starkes Ego heutzutage bestätigt. Ich kann mich immer noch gut erinnern wie es sich als Kind angefühlt hat, dass mein Vater in meiner Nähe ist. Nicht nur die Sicherheit, die sein Auftreten vermittelte, sondern auch der körpernahe Ausdruck deiner Liebe für uns, Deine Kinder. Ich bin aufgewachsen mit dem selbstverständlichen Gefühl, dass wir für Dich das Wichtigste sind. Dieses Gefühl hat sich seit dem nie geändert.

Dir habe ich zu verdanken, dass ich nie durch die irrationalen pseudo-Argumente von Religionen verführt worden bin und mich heute sicher derer bin, dass ich als Atheist und nicht nur als Skeptiker, einen besseren Sinn im Leben gefunden habe, als die, die Angst davor haben sich gegenüber einem mythologischen übernatürlichen Etwas rechtfertigen zu müssen. Ich erinnere mich oft an die Worte von meiner Mutter, die mir auf die Frage hin, warum wir nicht getauft seien, sagte: "wir sind auch so bessere Christen als die meisten Christen". Du bist mein Vorbild genau dafür gewesen, trotz deiner Schwächen, oder gerade wegen Deiner Schwächen. Ich verstehe Dich als waren Humanisten und werde Dich auch immer so verstehen.

Ich danke Dir für Deine aufgeklärte Haltung, dafür das wir immer Naturnah aufgewachsen sind, wenn auch deine Liebeserklärungen manchmal mit Schmerz verbunden waren. Deine Tier- und Pflanzenliebe machten Dich zu einem Ehrenmitglied der Spezies Homo-Sapiens und ich bin stolz auf Dich.

Ich kenne Dich nur als Vater, als Wegweiser und Berater. Andere kennen Dich als Freund und als Feind, als Ehemann und Sohn oder Bruder. Ich bin mir sicher, dass Du keinen in allen Deinen Fassetten je eintäuscht hast, denn ich habe noch nie, wirklich noch nie, jemand nur ein begründetes schlechtes Wort über Dich verlieren hören. Von Dir habe ich den Satz, das man Familie nicht aussuchen kann, Freunde wohl. Ich bin froh nicht nur Teil Deiner Familie zu sein sondern auch dein Freund.

Wenn ich Dir ein Zeugnis ausstellen könnte, hättest Du für Dein Lebenswerk sicherlich eine Note "Sehr Gut" verdient. Stell Dir vor Ausserirdische würden auf unserm Planeten Erde landen und sie hätten nur zwischen 50 bis 100 Jahre Zeit sich hier aufzuhalten. Wie würden Sie Ihre Zeit verbringen? Ich denke, dass Deine Haltung ähnlich gewesen ist, wie die dieser Besucher, denn unser Leben hier ist eigentlich nur ein Besuch, beschränkt auf ein paar Jahre, mit einem nicht beeinflussbaren Start und einem nicht beeinflussbaren Ende. Es sind die Jahre dazwischen, die richtig gelebt den Unterschied zwischen vergeudet oder erfüllt ausmachen.

Du hast Dich gegen deine Eltern trotz schwerem Start durchgesetzt. Hast eine weise Entscheidung getroffen und meine Mutter geheiratet. Hast Dich in einer Firma von der Pike an hochgearbeitet. Bist dann mit Mutter ausgewandert in ein Land in das noch heute eher wenige Ihr Glück versuchen würden. Dort hast Du zwei Kinder auf die Welt gebracht und Ihnen wirklich alles gegeben was nötig ist um selbst ein erfülltes Leben zu führen. Hast diese Kinder weder zu verwöhnt noch vernachlässigt. Du hast Deinen manchmal explosiven Charakter nur sehr selten gezeigt und damit diese weniger schöne Eigenschaft nicht Deinen Kindern weitervererbt.

Im Beruf wurdest Du nur Bewundert. Hast eine Fischbude in eines der größten Einzelhandelsunternehmen Kolumbiens umgebaut. Hast in schweren Zeiten, wo alles gegen unsere Familie stand und selbst durch eine chronische Krankheit befallen wars, mit klarem Kopf Deine Frau aus der unfreiwilligen Haft gerettet. Ich stand damals nur dabei und habe Dir bei Deinen Bemühungen zuschauen können und kann bis heute nicht verstehen wie Du das geschafft hast! Ich bin Dir dafür ewig dankbar, denn ohne meine Mutter währe das Leben nur halb so schön.

Manchmal muss ich mir Argumente anhören, dass mein Vater doch, hätte er sich anders verhalten, nicht in die Situation geraten währe, die sein Unternehmen und damit auch teilweise seine Familie erleiden mussten. Ich möchte Dich hiermit ganz offiziell frei sprechen! Ich bin stolz darauf, dass Du immer Mut zum Risiko hattest. Das Du immer einen drauf gesetzt hast, dabei aber nie Angegeben hast. Das eine Herausforderung genau das für Dich war, eine Herausforderung, und das Du diesen nicht aus dem Weg gegangen bist. Ohne deinem Ehrgeiz und Talenten hätte ich die Ausbildung, die Du mir ermöglicht hast, nie erhalten. Ich hätte nie mit 11 schon einen IBM PC gehabt, hätte sicherlich nicht auf eine Elite-Schule gekonnt und währe sicherlich nicht auf eine Prestige Universität gegangen. Durch Dich musste ich mich mit vielen meiner Schwächen nicht gleich beschäftigen, denn ich war gut aufgehoben. Werfe Dir also bitte nichts ungerechtfertigtes vor, ich bin in Deiner Schuld nicht umgekehrt.

Ja, es ist mal vorgekommen das dein Sohn Dir zum Fatertag eine Karte schrieb in der er seine Rechtschreibpräzision unter beweis stellte.

So war es, das mein Vater mir mit seiner 32er auf der Finka das Schießen beigebracht hat. So war auch mein Bedürfnis gestillt und obwohl ich immer wusste wo dieses Schießeisen lag, wurde es nie unerlaubt berührt (ich schwöre!). Es gab auch zwei praktische Hilfen die Du mir beigebracht hast. Fegen und Schippen, beides auf der Finka.

Du kannst Dich sicherlich nicht genau erinnern, mir ist es aber Eingebrannt geblieben. Als Du mich vor vielen Jahren fragtest was ich zum Geburtstag haben möchte und ich Dir sagte es solle ein Ketcar sein. Verständlicher weise war es schwer zu vermitteln, dass ein so großes Geschenk doch etwas zu teuer für uns war. Das es sich aber nicht um die motorisierte Variante (also ein Kart) handelte, habe ich nicht zu erklären vermocht, sondern habe mir von meinem Angesparten ein gebrauchtes Ketcar (Ket steht für Ketten) selbst gekauft. Ich
lernte aus diesem Vorfall zweierlei für mein Leben. Willst Du was, musst du dich richtig artikulieren können und zweitens musst du dich in den Anderen versetzten können. Also aus einer unangenehmen Situation eine Erfahrung fürs Leben gemacht.

Ich möchte mich auch für die paar Urlaube bedanken, die nur wir beide zusammen hatten. Besonders Den, Den wir auf San Andres hatten. Dort habe ich gelernt, dass auch zwei Männer Urlaub machen können und das Dieser dann ganz anders sein würde. Mir hat er sehr gut gefallen.

Auch dafür ist ein Dank nötig, dafür, dass Du mir geraten hast meine erste Stereoanlage mit CD zu kaufen, obwohl es damals kaum welche zu kaufen gab. Zukunftssicher muss man denken und lieber ein paar Pesos mehr heute ausgeben als einige Jahre später wieder investieren zu müssen.

Ganz wichtig für mich war Dein Brief an mich als ich zur Uni ging. Es war vollkommen unerwartet und dessen Inhalt, obwohl ich es nicht oft gelesen habe, ist alles gleich von Anfang an hängengeblieben. Reich wird man nicht durch Arbeiten sondern durch Anlegen und Investieren. Ich habe es etwas umgereimt, da ich das Ziel zum Reich werden nicht mehr verfolge, mit Wohlhabend währe ich schon zufrieden. So muss man sich nicht immer sorgen ums Geld machen.

Du wirst mir immer in Erinnerung bleiben, als der Vater den man sich Wünscht, der Vater der im Bilderbuch steht!

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